Numerisches Lösen von Differentialgleichungen
Behandelt wird eine DGL der Form
mit der Anfangsbedingung y(x0) = y0.
Die rechte Seite F(x,y) kann als "Steigungslieferant" für die Lösung y aufgefaßt werden in dem Sinn: Wenn eine Lösung durch P(x/y) verläuft, so gibt F(x,y) die Steigung der Lösung an. Trägt man für Punkte der Ebene diese "potentiellen Steigungen" als kleine Tangentenstückchen an, so erhält man ein sogenannte Richtungsfeld der DGL. Als Beispiel sei das Richtungsfeld der Gleichung y’ = –x
× y angegeben.

(Programm: RICHTFEL.PAS)
Mit etwas Phantasie ist die Gaußsche Glockenkurve schon jetzt erkennbar.
Für die numerische Lösung ist es typisch, daß die gesuchte Funktion y nur an diskret liegenden aufeinander folgenden Stellen xi berechnet wird. Das heißt, es werden Folgen x0, x1, x2, x3, ... von Stellen und y0, y1, y2, y3,... von Funktionswerten rekursiv berechnet.
Es sollen nun sogenannte Einschritt-Verfahren angegeben werden, bei denen ein Wert yi+1 nur von yi , xi und der Schrittweite h = xi+1 – xi abhängt.
Grundlegende Rechnung:


Die Aufgabe, aus dem Funktionswert y(x) einen Funktionswert y(x+h) zu berechnen, wird also auf die Berechnung eines Integrals zurückgeführt.
1. Das Euler-Cauchy-VerfahrenDie einfachste Lösung ist, das Integral durch den Inhalt eines Rechtecks der Höhe F(x,y(x)) anzunähern:

Die Gleichung zum Euler-Cauchy-Verfahren
(1 Auswertung von F, 1 Multiplikation, 1 Addition):

Obige integrale Veranschaulichung für F(x,y) kann durch eine differentiale für y(x) ergänzt werden:

2. Das Verfahren von Heun
Viel besser als die Rechtecknäherung ist die Näherung durch ein Trapez. Dafür ist aber im Fall der Sekanten-Trapez-Regel der Funktionswert F(x+h,y(x+h)) vonnöten. Da y(x+h) erst berechnet werden soll, wird die lineare Näherung

benutzt, in der die Ableitung durch die rechte Seite der DGL ersetzt werden kann. Als Vorhersage (Prädiktor) wird also genau die Euler-Cauchy-Näherung benutzt.

(Programm: HEUN.PAS)
Die Skizze gibt maßstabsgerecht das Arbeiten des Heun-Verfahrens für die Gleichung y’ = –x
× y , x = – 0,9 und h = 0,8 wieder.
berechnet. Hier hat
(genauer: die Lösung, die durch P(x+h/
) verläuft) an der Stelle x+h eine so ähnliche Steigung wie y,
daß die Funktionswerte
F(x+h,y(x+h)) und F(x+h,
) fast zusammenfallen. Das kleine Quadrat gibt die Lage der mit dem Heunverfahren berechneten
Näherung für y(x+h) wieder.Die Gleichungen des Heun-Verfahrens
(3 Auswertungen von F, 2 Multiplikationen, 4 Additionen):

3. Das Runge-Kutta-Verfahren
Während das Verfahren von Heun aus der Sekanten-Trapez-Regel hervorgeht, erhält man aus der Simpson-Regel

das Runge-Kutta-Verfahren. Die Simpsonregel hat die Stützstellen
, so daß ähnlich wie beim Verfahren von Heun Schätzwerte für
benötigt werden. Diese Schätzwerte werden folgendermaßen gewonnen:
In einem ersten Schritt wird die Steigung m0 = F(x,y(x)) berechnet. Die Tangente g0 führt zu einem Schätzwert
für
. Mit Hilfe von y1 wird nun die Steigung
m1 = F(x+h,y1) berechnet. m1 ist eine Näherung für
. Bei etwa gleichbleibender Krümmung führt g0 zu einem zu großen Funktionswert
y1 und g1, das ist die Gerade durch (x/y(x)) mit der Steigung m1, zu einem zu kleinen Funktionswert
oder umgekehrt. 2
)ist also eine sehr gute Näherung für
. Die Steigung m2 schließlich wird zur Konstruktion von g2 und diese zur Ermittlung von
benutzt.

Gleichungen des Runge-Kutta-Verfahrens
(4 Auswertungen von F, 4 Multiplikationen (/2,

Graphisches Beispiel:

(Programm: RKUTTA.PAS)
Die Skizze gibt maßstabsgerecht das Arbeiten des Runge-Kutta-Verfahrens für die Gleichung y’ = –x
× y , x = – 0,9 und h = 0,8 wieder. Trotz der großen Schrittweite ist graphisch kein Fehler erkennbar.4. Vergleich von Genauigkeit und Aufwand
Eine Bewertung der Verfahren kann z.B. durch Vergleich mit der exakten Lösung geschehen. Im Folgenden wird die Gleichung y’ = –x
× y mit den Anfangswerten x0=0, y0=1 zur Berechnung von
(Gaußsche Glockenkurve) benutzt. Untersucht man die Abhängigkeit des relativen Fehlers r von der
Schrittweite h, so vermutet man (z.B. Experimente mit DGLNUM1.PAS) einen Zusammenhang r(h) = c×
hp, (p heißt Ordnung des Verfahrens). Eine doppeltlogarithmische Darstellung (
) ermöglicht eine einfache Bestimmung von p. Die Diagramme (DGLNUM3.PAS) zeigen auch den
Einfluß der Rundungsfehler, die eine Verkleinerung der Schrittweite unter einen - von Verfahren und Genauigkeit der verwendeten "Rechnerzahlen"
abhängigen - optimalen Wert sinnlos machen
mit 11 Stellen (Datentyp real):

Den Steigungsdreiecken entnimmt man, daß das Euler-Verfahren die Ordnung p=1 (~h1), das Heun-Verfahren die Ordnung p=2 (~h2) und das Runge-Kutta-Verfahren die Ordnung p=4 (~h4) haben.
mit 19 Stellen (Datentyp extended):
